Metallhandwerk und Landbautechnik: WorkFlex bringt mehr Weihnachtsgeld oder kürzere Arbeitszeit
Im Metallhandwerk und in der Landbautechnik Niedersachsen/Bremen steigt das Weihnachtsgeld dauerhaft auf 100 Prozent. Beschäftigte können den neuen Anteil auch in freie Zeit wandeln.
Im Metallhandwerk und in der Landbautechnik in Niedersachsen und Bremen gibt es einen neuen Tarifabschluss mit einer ungewöhnlichen Kombination aus Geld und Zeit. Nach Angaben der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt betrifft der Abschluss rund 53.000 Beschäftigte in etwa 2.500 Betrieben. Kern ist der neue Tarifvertrag WorkFlex: Die tarifliche Sonderzahlung im November steigt dauerhaft von bisher 70 Prozent auf künftig 100 Prozent eines durchschnittlichen Monatseinkommens. Wer das zusätzliche Geld nicht vollständig ausgezahlt bekommen möchte, kann den neuen Anteil unter bestimmten Modellen in kürzere Arbeitszeit umwandeln.
Der Anlass ist aktuell: Die IG Metall veröffentlichte die Einigung am 14. August 2026. Sie folgt auf den Tarifabschluss 2025, der zum 1. Januar 2026 bereits eine Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen um 2,9 Prozent gebracht hatte. Die neue WorkFlex-Regelung ergänzt diesen Abschluss, statt einfach nur eine weitere Prozentstufe auf die Monatstabellen zu legen. Für Beschäftigte ist deshalb wichtig, den Effekt getrennt zu betrachten: Das laufende Monatsgehalt bleibt die eine Rechnung, die Sonderzahlung im November und die Wahloption Geld-gegen-Zeit die andere.
Was der Abschluss konkret regelt
| Punkt | Neue Regelung | Praktische Bedeutung |
|---|---|---|
| Betroffene Beschäftigte | rund 53.000 in Niedersachsen und Bremen | Metallhandwerk und Landbautechnik in tarifgebundenen Betrieben |
| Sonderzahlung | dauerhaft 100 Prozent statt 70 Prozent | im November rechnerisch ein zweites volles Monatseinkommen |
| Jahreseinkommen | IG Metall beziffert den Effekt auf rund 2,5 Prozent | mehr Geld im Jahr, nicht zwingend jeden Monat mehr Netto |
| WorkFlex-Option | 30 Prozentpunkte Sonderzahlung können in Zeit gewandelt werden | kürzere Arbeitszeit ohne geringeres Monatsentgelt im gewählten Modell |
| Laufzeit | Abschluss bis 31. August 2027, WorkFlex unbefristet | die Erhöhung der Sonderzahlung soll dauerhaft gelten |
Warum 100 Prozent Weihnachtsgeld nicht dasselbe ist wie 2,5 Prozent mehr Monatslohn
Die IG Metall beschreibt den Effekt der höheren Sonderzahlung als umgerechnet etwa 2,5 Prozent mehr Jahreseinkommen. Das ist plausibel, weil die Sonderzahlung um 30 Prozentpunkte eines durchschnittlichen Monatsentgelts steigt. Für die persönliche Finanzplanung zählt aber, wann das Geld fließt. Eine tabellenwirksame monatliche Erhöhung verteilt sich über zwölf Abrechnungen. Mehr Weihnachtsgeld konzentriert den zusätzlichen Bruttobetrag dagegen auf den November. Dadurch kann sich der Lohnsteuerabzug in diesem Monat sichtbar erhöhen, auch wenn die Jahressteuer später über die Steuererklärung geglättet wird.
Ein Beispiel: Wer ein durchschnittliches Monatsentgelt von 3.200 Euro hat, bekam bei 70 Prozent Sonderzahlung rechnerisch 2.240 Euro brutto. Bei 100 Prozent wären es 3.200 Euro brutto. Der zusätzliche Bruttobetrag läge in diesem einfachen Beispiel bei 960 Euro. Netto kommt davon weniger an, weil Lohnsteuer und Sozialabgaben greifen. Trotzdem ist der Abschluss wertvoll, weil er dauerhaft das tarifliche Jahresentgelt erhöht und nicht nur eine einmalige Prämie vorsieht. Für die individuelle Wirkung hilft eine Gegenrechnung im Brutto-Netto-Rechner: einmal mit regulärem Monatsbrutto, einmal mit der Novemberabrechnung inklusive Sonderzahlung.
Wie die Zeitoption funktioniert
Der neue WorkFlex-Teil setzt bei den zusätzlichen 30 Prozentpunkten der Sonderzahlung an. Beschäftigte können diesen Anteil künftig nutzen, um Arbeitszeit zu reduzieren, ohne dass das laufende Monatseinkommen im gewählten Zeitraum sinkt. Genannt werden mehrere Modelle: eine Wochenstunde weniger für ein ganzes Kalenderjahr, zwei Wochenstunden weniger für sechs Monate, vier Wochenstunden weniger für ein Quartal oder elf Wochenstunden weniger für einen Kalendermonat. Damit ist der Abschluss nicht nur eine klassische Lohnerhöhung, sondern ein Instrument für planbare Entlastung.
Für Beschäftigte mit Pflegeaufgaben, Kinderbetreuung, hoher körperlicher Belastung oder langen Pendelwegen kann die Zeitoption finanziell interessanter sein, als sie auf den ersten Blick wirkt. Wer die Sonderzahlung vollständig auszahlen lässt, bekommt mehr Brutto im November. Wer sie in Zeit wandelt, erhält über einen festgelegten Zeitraum mehr freie Zeit bei unverändertem Monatsentgelt. Der Preis ist, dass ein Teil der zusätzlichen Sonderzahlung nicht als Geld auf dem Konto landet. Die bessere Wahl hängt deshalb nicht nur vom Stundenlohn ab, sondern von Liquidität, Belastung, Familienorganisation und persönlichen Erholungsphasen.
Was Beschäftigte vor der Entscheidung prüfen sollten
Der Abschluss macht die Entscheidung komplexer als bei einer einfachen Prozentsteigerung. Wer auf das höhere Jahreseinkommen angewiesen ist, etwa wegen Miete, Kredit, Energiekosten oder Unterhalt, wird die Auszahlung wahrscheinlich höher gewichten. Wer dagegen regelmäßig Überlastung spürt oder Betreuung organisieren muss, kann mit planbarer Zeit mehr gewinnen als mit einem einmaligen Netto-Plus. Wichtig ist außerdem, wie der Betrieb die Wahlfristen, Abstimmung mit Schichtplänen und mögliche Mindestbesetzungen konkret umsetzt. Tarifliche Rechte brauchen im Alltag oft klare betriebliche Prozesse.
- Novemberabrechnung simulieren: Sonderzahlung und normales Monatsentgelt getrennt prüfen, damit das Netto-Plus realistisch eingeschätzt wird.
- Zeitbedarf konkret planen: Pflege, Kinderbetreuung, Gesundheit, Weiterbildung oder Erholung sollten nicht abstrakt bleiben, sondern in Kalenderwochen übersetzt werden.
- Betriebsregeln erfragen: Wahlfristen, Nachweispflichten, Teilzeitmodelle und Abstimmung im Team können die praktische Nutzung beeinflussen.
- Sozialversicherung mitdenken: Die Auszahlung erhöht beitragspflichtiges Arbeitsentgelt, während die Zeitoption das laufende Monatsentgelt laut Tariflogik stabil halten soll.
- Auszubildende separat prüfen: Die 2,9-Prozent-Stufe aus dem Tarifabschluss 2025 gilt auch für Ausbildungsvergütungen; WorkFlex sollte im Betrieb gesondert erklärt werden.
Warum der Abschluss über die Branche hinaus interessant ist
Der deutsche Arbeitsmarkt bleibt nach den jüngsten Daten der Bundesagentur für Arbeit angespannt. Im Juli 2026 lag die Arbeitslosigkeit bei rund 3,007 Millionen, zugleich melden Betriebe weiter Fachkräftebedarf und offene Ausbildungsstellen. Handwerksbetriebe stehen damit in einem schwierigen Wettbewerb: Sie müssen Kosten kontrollieren, aber zugleich Personal halten und Nachwuchs gewinnen. Ein Tarifmodell, das nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Zeitsouveränität anbietet, kann in dieser Lage ein Argument für tarifgebundene Arbeitgeber sein.
Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist der wichtigste Punkt: WorkFlex ist kein bloßer Bonusname. Es verändert die Frage, wie tarifliche Verbesserungen genutzt werden können. Bisher war die übliche Logik: mehr Entgelt bedeutet mehr Auszahlung. Hier kommt eine zweite Option dazu: mehr tariflicher Wert kann auch in planbare freie Zeit übersetzt werden. Wer betroffen ist, sollte deshalb nicht nur fragen, wie hoch das Weihnachtsgeld im November ausfällt, sondern auch, ob die eigene Lebenssituation 2026 oder 2027 eher nach Liquidität oder nach Entlastung verlangt.
Unterm Strich bringt der Abschluss ein dauerhaft höheres Weihnachtsgeld, einen bezifferbaren Jahreseinkommenseffekt und eine neue Wahlmöglichkeit. Das macht ihn für die Gehaltsplanung relevanter als eine reine Sondermeldung aus einer regionalen Tarifrunde. Beschäftigte im Metallhandwerk und in der Landbautechnik Niedersachsen/Bremen sollten jetzt ihre Entgeltgruppe, das durchschnittliche Monatseinkommen, die Novemberabrechnung und die betrieblichen WorkFlex-Fristen prüfen. Erst dann lässt sich entscheiden, ob 2026 mehr Geld oder mehr Zeit der bessere Nutzen ist.